China

In den NachDenkSeiten erschien kürzlich ein Gespräch mit Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer über die tendenziöse Berichterstattung der ARD über China. Den Schlussteil über die „Bedrohung Taiwans durch China“ haben wir in den Lesefrüchten Juli 2020 zitiert.

 

Im Westend-Verlag ist jüngst erschienen:
Wolfram Elsner: Das chinesische Jahrhundert. Die neue Nummer eins ist anders
Auf der Seite des Verlags finden sich neben den Artikeln von Rudolf Bauer, Madeleine Genzsch und Rolf Geffken noch ein Personen-und Sachregister und ein Verzeichnis mit Abkürzungen.
Das Werk ist erhellend und wehrt sich gegen das westliche Zerrbild von China. Prädikat: sehr empfehlenswert

 

Frank Schumann: Ideologisches Zerrbild
Der westliche Blick auf China ist ignorant und zeugt von der Unfähigkeit, andere Lebensweisen als gleichwertig zu akzeptieren.

Was fällt einem bei China ein? Massenproteste in Hongkong, Umerziehungslager für die Uiguren, militärische und wirtschaftliche Expansion, kommunistischer Überwachungsstaat und politische Bevormundung, diktatorische Unterdrückung der Menschenrechte... Das Bild der Volksrepublik ist ziemlich klar konturiert, wir wissen Bescheid. Unser „Wissen“ fußt allerdings nicht auf eigener Anschauung, sondern auf dem, was uns hiesige Medien mitteilen. Das dort vorherrschende Bild ist sehr parteiisch und ideologisch durchtränkt, geformt aus westlicher Herablassung und fehlendem Willen, bei der Wahrnehmung der Welt eine andere als die zentraleuropäische Perspektive gelten zu lassen.

Am ausführlichsten behandelt der Autor das Urteil, China führe andere Länder, auch in Afrika, mit dem Seidenstraßenprojekt in eine Schuldenfalle und mache sie abhängig. Er zeigt den Unterschied auf zwischen westlicher Entwicklungspolitik und der chinesischen. 
Dann geht es um die strengen Überwachungsmaßnahmen in China und schließlich um die Uiguren, die im westlichen Narrativ als von den Chinesen unterdrückte Minderheit dargestellt werden. 
Alles höchst informativ und lesenswert.

 

Video-Vortrag in Weltnetz-TV: Madeleine Genzsch: Social Scoring. Das neue Social-Scoring-System in China

Zur Steuerung einer sozial verträglichen Entwicklung experimentieren die chinesischen Behörden mit neuartigen Kredit-Punkte-Systemn, die eine prosoziale Rücksichtnahme und ökologisches Verhalten fördern sollen. Diese Tests, zur Zeit wird mit 40 unterschiedlichen Systemen experimentiert, lösen - vor allem in den westlichen Medien - heftige Diskussionen aus, beruhen die Systeme doch zum Teil auf gleichen oder ähnlichen technischen Grundlagen (Big-Data, Mustererkennung, Künstliche Intelligenz, Datenintegration) wie die polizeilichen und geheimdienstlichen Überwachungstechniken, die hierzulande entwickelt werden. Das Thema ist ein ideologisches Minenfeld, es ist "contested terrain".

Was fehlt, sind natürlich solide und unvoreingenommene Informationen aus erster Hand. Madeleine Genzsch, MBA, Marketing- und China-Expertin, hat 15 Jahre in China gelebt, hat dort deutsche Unternehmen beraten, spricht chinesisch und ist wohl eine der besten China-Kennerinnen in Deutschland. Sie versucht in ihren Vorträgen, über China aufzuklären, Vorurteile abzubauen und für Kooperation zu werben. Zur Zeit promoviert sie zum Thema "ecological China" an der RWTH Aachen.

Madeleine Genzsch war am 11. April 2019 im Rahmen der Bremer China-Reihe zu einem ebenso spannenden wie informativen und kontrovers diskutierten Vortrag in Bremen. Eingeladen hatten: Studiengruppe China Bremen, Konfuzius-Institut Bremen e.V., biz Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung, BeN Bremer entwicklungspolitisches Netzwerk e.V. und weltnetz.tv. Unterstützt wurde die Veranstaltung von: Vereinigte Ev. Gemeinde Bremen-Neustadt, Bremer Friedensforum, AK Nahost Bremen, aufstehen Bremen, Kreisverband LdW der Linkspartei.

Werner Rügemer: Die Volksrepublik China und ihre menschliche Bedeutung

Der Aufstieg Chinas zur größten Wirtschaftsmacht erscheint für den US-geführten Westen überraschend, ja provozierend. Doch er hat selbst zu dieser Entwicklung beigetragen, ungewollt. Die Volksrepublik hat sich nicht nur aus kolonialer, feudaler und imperialistischer Ausbeutung und Abhängigkeit weitgehend befreit, sondern gestaltet auch national und international einen nachhaltigen, alternativen Entwicklungsweg – nicht nur ökonomisch, sondern auch in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht. Die Volksrepublik praktiziert im Unterschied zur US-geführten westlichen Kapital-Demokratie die Globalisierung ohne militärische Begleitung und ohne wirtschaftliche Sanktionen. China, zudem in Verbindung mit einem weiten und differenzierten Netz an Kooperationspartnern auf allen Kontinenten, ist damit ein entscheidender und stabiler Faktor in der von sozialer Ungleichheit, Krisen und Kriegen durchzogenen Weltgemeinschaft.

Kommentar: Für mich bis jetzt der beste und erhellendste Artikel über China (bm)

André Vltchek: „Der Grund, weshalb der Westen entschlossen ist, Chinas Erfolg zu ignorieren“ Eine kurze und lesenswerte Darstellung der Erfolge Chinas unter Xi Jinping von einem Bewunderer dieser Leistung. 
Vltchek geht allerdings nicht auf ein Thema ein, das im Westen bis zu den Linken für Verstörung und Debatten sorgt, nämlich Chinas Sozialkreditsystem. Der westlichen liberalen bis neo-liberalen Denkweise läuft es krass zuwider, durch die chinesische Brille sieht es anders aus, wie ein Vortrag bei Weltnetz-TV zeigt. Dort wird vor allem deutlich, dass es DAS Sozialkreditsystem noch nicht gibt, sondern 40 verschiedene Versuchsprojekte, wo Wege ausprobiert, verworfen oder laufend verändert werden. Ziel ist nicht bloß den einzelnen Bürger zu sozialverträglichem Verhalten zu bewegen, sondern vor allem auch Firmen, Behörden und Leitungen der verschiedenen Gebietskörperschaften. Deswegen bewertet die Bevölkerung  die Versuche um dieses Sozialkreditsystem zu 80% positiv. 

Louise Matsakis: How the West Got China's Social Credit System Wrong. Der Artikel bestätigt die Aussagen des Vortrags von Frau Genzsch in Weltnetz-TV. Hier drei kurze Zitate daraus:

The Chinese government and state media say the project is designed to boost public confidence and fight problems like corruption and business fraud. Western critics often see social credit instead as an intrusive surveillance apparatus for punishing dissidents and infringing on people’s privacy.

With just over a year to go until the government’s self-imposed deadline for establishing the laws and regulations governing social credit, Chinese legal researchers say the system is far from the cutting-edge, Big Brother apparatus portrayed in the West’s popular imagination. 

In the meantime, Dai says, Chinese academics have begun discussing the potential privacy and other risks posed by the project. They were influenced, in part, by the enormous amount of attention the Social Credit System has garnered in the West, despite the fact that it often hasn’t been portrayed accurately. “This entire thing is just so massive, and it varies across place to place” says Dai. “It is easy to sort of misinterpret or only catch part of it, without seeing the entire picture.”

 

Nochmal wichtige Links vom Gespräch am 27.01.2021:

Madelaine Genzsch über das Sozialkreditsystem:

Werner Rügemer: Die Volksrepublik China und ihre menschliche Bedeutung

Wolfram Elsner: Das chinesische Jahrhundert. Die neue Nummer eins ist anders
Auf der Seite des Verlags finden sich Zusatzartikel von Bauer, Genzsch und Geffken:

Weltnetz-TV: Suche unter dem Stichwort China liefert viel, z.B. diese:

Machtachsenverschiebung
Honkong, China und die Menschenrechte - Geffken rechnet ab ...
Rechtsstaat in China. Geffken über ...