Lesefrüchte
Mai 2026
Hier sammeln wir Artikel, die auch über den Tag hinaus interessant sind und zitieren Auszüge. Um die Übersichtlichkeit zu erhalten, verschieben wir ältere Empfehlungen ins „Archiv“.
Lesefrüchte im vergangenen Monat
Thomas Fasbender, Alexander Dergay: Die pädagogische Republik
Deutschland ...
Globalbridge: So wurde das Ende des WKII gefeiert
Thomas Fasbender, Alexander Dergay: Die pädagogische Republik Deutschland:
Der moderne Untertan kniet nicht, er nickt
(...)
Unsere Demokratie: warm und einladend
Inzwischen ist aus historischer Wachsamkeit ein politischer Reflex geworden. Demokratie wird nicht nur gegen ihre Gegner verteidigt, sondern gegen Unruhe, Unübersichtlichkeit und die Zumutungen politischer Entscheidungen überhaupt.
Verräterisch in diesem Zusammenhang ist der Ausdruck „unsere Demokratie“. Er klingt warm, einladend, gemeinschaftsstiftend. Doch das Possessivpronomen markiert Besitz. „Unsere Demokratie“ gehört nicht mehr dem Demos, dem Volk in seiner widersprüchlichen, unbequemen Gesamtheit, sondern den Hohepriestern, die ihr Wesen monopolisieren. Aus einer Staatsform wird eine Gesinnung, aus einem Verfahren ein Glaubensakt. Aus politischen Gegnern werden Ordnungsstörer. So wandelt sich der Kulturkampf, der das Land seit Jahren prägt, zur hegemonialen Besitzstandswahrung im Tonfall der Tugend.
Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Bauform der Bundesrepublik selbst. Deutschland hat keine plebiszitäre Demokratie, sondern eine Parteien-, Verbände-, Ausschuss-, Gerichts- und Konsensdemokratie. Die Volkssouveränität wird vielfach vermittelt: durch Fraktionen, Koalitionsrunden, Ministerialbürokratien, Landesregierungen, Vermittlungsausschüsse, Verfassungsgerichte und organisierte Interessen. Für einiges gibt es gute Gründe, manches ist historisch klug, anderes institutionell notwendig. Doch die Nebenwirkungen sind unübersehbar. Der Souverän, das Volk, gewöhnt sich daran, dass Politik etwas ist, was andere für ihn sortieren.
Der Bürger soll wählen, aber möglichst selten entscheiden. Er soll auch beteiligt werden – bevorzugt in gerahmten, moderierten und eingehegten Formaten. Auf Bundesebene bleibt direkte Demokratie die große Leerstelle. Die demokratische Weihehandlung ist der Wahlakt alle paar Jahre – dann beginnt die lange Phase der Zuschauerdemokratie. Wer nicht in den Maschinenräumen der Republik verkehrt, erlebt Politik nicht als Ausdruck seines Willens, sondern als Fernverwaltung seines Lebens.
Die Verwaltung des Niedergangs
Das erklärt die deutsche Reformblockade besser als jede einzelne Fehlentscheidung. Deutschland leidet nicht nur am mangelhaften politischen Personal. Es leidet an einer Gesellschaft, die das mangelhafte Personal erträgt, solange es den Anschein von Stabilität gewährt. Die Verwaltung des Niedergangs erscheint sicherer als das Risiko des Aufbruchs. Man wartet, bis der Schaden objektiv geworden ist, bis die Brücke gesperrt, der Zug ausgefallen, die Fabrik geschlossen, die Schule verfallen ist. Erst dann fragt sich das Land, ob vielleicht etwas nicht stimmt. Und auch dann fragt es zunächst, welche Kommission zuständig ist.
Der Untertan ist nicht der Zufriedene. Er kann sehr unzufrieden sein. Er kann schimpfen, murren, spotten und innerlich kündigen. Aber er verwandelt Unzufriedenheit nicht in Bürgerenergie. Er meidet den Sprung aus der Klage in die Verantwortung. Er will, dass „die da oben“ endlich handeln – und bleibt dadurch an sie gebunden. Selbst in seiner Empörung bestätigt er die Obrigkeit, die er beklagt.
Die Wahrheit wird nicht im Streit gesucht, sondern durch Zuständigkeit beglaubigt. Wer spricht? Aus welcher Ecke kommt er? Darf man ihn zitieren? Darf man mit ihm auf einem Podium sitzen? Die Ständegesellschaft kehrt als Diskursgesellschaft zurück. Nicht jeder Satz zählt gleich viel. Nicht jeder Bürger ist gleich gesprächsfähig. Das allgemeine Wahlrecht existiert fort, aber im Raum der legitimen Rede entstehen neue Grenzen, neue Mauern. Man darf eine Stimme haben, aber nicht immer darf sie hörbar sein.
Hier zeigt sich, warum die Debatte über Meinungsfreiheit so unehrlich geführt wird. Es gibt keine Behörde, die das Gespräch am Küchentisch überwacht. Die entscheidende Frage ist viel subtiler: Sagen Menschen noch, was sie denken, wenn ein falscher Satz berufliche oder soziale Folgen haben kann? Demokratie lebt nicht nur vom Recht zur Rede, sondern von ihrem gewohnheitsmäßigen Gebrauch. Wenn dieser Gebrauch untergeht, bleibt die Freiheit im Gesetzbuch und verschwindet aus dem Alltag.
An ihre Stelle tritt die pädagogische Republik. Unablässig spricht sie von Mündigkeit, traut dem Bürger aber immer weniger zu. Sie erklärt, sensibilisiert, warnt, fördert, begleitet, ordnet ein. Da ist vieles gut gemeint, vielleicht sogar notwendig. In der Summe jedoch entsteht ein Staat, der seine Bürger als Risikogruppe behandelt, nicht als Souverän. Der Bürger, so der Anschein, muss demokratisch erzogen werden, damit er demokratisch wählt.
Damit schließt sich der Kreis. Der Obrigkeitsstaat ist nicht verschwunden, er hat nur die Sprache gewechselt. Früher hieß es Pflicht, Ordnung, Kaiser und Vaterland. Heute sagt man Verantwortung, Haltung, Solidarität und „unsere Demokratie“. Früher verlangte der Staat Gehorsam, heute erwartet er Einsicht. Früher diktierte die Obrigkeit von oben herab, heute spricht sie durch Netzwerke, Stiftungen, Redaktionen, Experten, Behörden und zivilgesellschaftliche Programme. Der moderne Untertan kniet nicht. Er nickt.
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Auf Globalbridge
erschien am 10. Mai 2026 ein Artikel im Doppelpack
- von Ulrich Heyden, der aus Moskau berichtete und
- von Stefano di Lorenzo aus Berlin.
Hier folgt ein längerer Auszug daraus; aber schon wegen der Fotos sollte man
den ganzen Artikel bei Globalbridge aufrufen.
So wurde das Ende des WKII gefeiert –
in Moskau von Ulrich Heyden:
Der 9. Mai in Moskau blieb friedlich. In russischen Medien gab es keine Berichte über ukrainische Drohnenattacken auf die russische Hauptstadt. Die Ankündigung von Wladimir Selenskyj am 4. Mai, während der Militärparade zum 81. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland Drohnen über den Roten Platz kreisen lassen, wurde nicht zur Realität. Offenbar bekam Selenskyj kein grünes Licht von seinen Sponsoren in Europa und den USA. Das berichtete das Magazin Forbes am 8. Mai.
(...)
Als Putin die Tribüne am Roten Platz betrat, begrüßte er zunächst die Veteranen des „Großen Vaterländischen Krieges“, wie der Zweite Weltkrieg in Russland heißt. In seiner Rede am Roten Platz erklärte Wladimir Putin, „wir werden an die Heldentat des sowjetischen Volkes, das den entscheidenden Anteil an der Niederschlagung des Nazismus hatte, immer erinnern.“ Diese Heldentat habe „das eigene Land und die Welt gerettet“, dem „totalen, erbarmungslosen Bösen ein Ende bereitet“ und den Staaten, „die vor Hitler-Deutschland kapituliert hatten“ und sich in „unterwürfige Mittäter bei den Verbrechen“ der Nazis verwandelt hatten, „die Souveränität zurückgegeben.“ (...)
Feiern in Moskauer Parks und in russischen Städten
Militärparaden und Umzüge des „Unsterbliches Regiments“, bei dem Russen mit den Porträts ihrer Vorfahren, die im Zweiten Weltkrieg kämpften, durch die Straßen ziehen, gab es in mehreren russischen Städten, so in Wladiwostok, Jekaterinburg und St. Petersburg. Ein Marsch des „Unsterblichen Regiments“ fand auch in Kirgistan statt.
In zahlreichen Moskauer Parks fanden Feiern statt. Im Gorky Park sah ich in diesem Jahr keine Veteranen des „Großen Vaterländischen Krieges“ mehr. Doch es gab Treffen von russischen Militär-Veteranen, die in den 1970er und 1980er Jahren in Angola und Kuba und in den 1990er Jahren in Tadschikistan im Einsatz waren.
Viele Jugendliche waren in dem Park. Aber über den Krieg in der Ukraine mit ihnen zu sprechen war schwierig. In den Gesprächen merkte ich, dass die „Spezialoperation“ in der Ukraine in der Generation der über 30jährigen mehr Rückhalt hat als unter den Schulabgängern. „Wir müssen uns mehr um die patriotische Erziehung der Jugend kümmern“. Diesen Satz hörte ich am 9. Mai häufig von Erwachsenen.
In Berlin von Stefano Lorenzo:
Alle sprachen dieses Jahr über mögliche ukrainische Angriffe auf die Siegesparade in Moskau. Am Ende blieb jedoch alles ruhig. In einem auf seinen Social-Media-Kanälen veröffentlichten Video hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärt, er rate ausländischen Staatschefs davon ab, an der Parade auf dem Roten Platz teilzunehmen. Doch am Abend des 8. Mai (MEZ) kündigte unerwartet US-Präsident Donald Trump einen dreitägigen Waffenstillstand zwischen der Ukraine und Russland an. Kurz darauf stimmte Selenskyj zu: „Heute haben wir im Rahmen des von der amerikanischen Seite vermittelten Verhandlungsprozesses die Zustimmung Russlands erhalten, einen Gefangenenaustausch im Verhältnis 1.000 zu 1.000 durchzuführen. Außerdem muss am 9., 10. und 11. Mai ein Waffenstillstand gelten.“ Es war bereits die fünfte Parade seit der jüngsten Phase des Ukraine-Kriegs im Jahr 2022. Und es gab dann tatsächlich während der Parade keine Angriffe auf Moskau .
Ein heiliger Tag
Für die Russen ist der Tag des Sieges jedoch nicht nur eine weitere staatliche Zeremonie, sondern ein wahrhaft nationales Fest. So sehr, dass er bis heute von Russen auf der ganzen Welt gefeiert wird. Er hat die Symbolik eines religiösen Feiertags und die Kraft, die Nation zu vereinen. Bis vor einigen Jahren war der Tag des Sieges ein Tag, an dem die Russen offen stolz auf ihre Geschichte und ihr Land sein konnten. Seit 2022, wohl schon seit 2014, ist dies komplizierter geworden.
„Es ist ein heiliger Tag“, sagte ein Mann, der zur Gedenkfeier im Treptower Park in Berlin aus Bamberg in Bayern gefahren ist. Eine 20-köpfige Gruppe von Russlanddeutschen ist mit ihren Motorrädern aus Essen in Nordrhein-Westfalen gekommen. Sie schienen alle sehr gut gelaunt zu sein. „Es ist natürlich schlecht, dass sowjetische Symbole verboten werden. Wir müssen sie abdecken“, sagte ein Mann aus der Gruppe, ernst, aber freundlich.
Verbotene Symbolik
Berlin hat für die Russen, die den Tag des Sieges feiern, eine besondere Bedeutung. Zum einen war Berlin die Hauptstadt des feindlichen Reiches, das Slawen als „Untermenschen“ betrachtete und versuchte, das russische Volk zu vernichten. Das riesige Denkmal im Treptower Park ist ein sehr sichtbares Symbol des sowjetischen Sieges. Zweitens ist die russische Diaspora in Berlin riesig, und nicht alle russischen Emigranten wollen sich davon überzeugen lassen, dass sie ihr Land verachten müssen, wenn sie als „gute Russen“ gelten wollen.
Am russischen Tag des Sieges in Berlin waren auch dieses Jahr russische, sowjetische und belarussische Symbole verboten. Es ist nicht das erste Mal, dass diese Regel durchgesetzt wurde. Veteranen und Diplomaten sind davon ausgenommen. Die russische Botschaft in Berlin kommentierte das Verbot in den sozialen Medien:
„Die von Berlin unter dem Vorwand des andauernden Konflikts in der Ukraine verhängten Verbote zeichnen sich durch ihre Absurdität und ihren Zynismus aus. Tatsächlich zielen sie ausschließlich darauf ab, den Nachkommen sowjetischer Befreiungssoldaten sowie den engagierten Bürgern und Besuchern der deutschen Hauptstadt das Recht zu nehmen, den Jahrestag der Zerschlagung des Nazismus würdig zu begehen und der im Großen Vaterländischen Krieg Gefallenen zu gedenken. […] Wir betrachten die Einschränkungen Berlins als unbegründet, diskriminierend und unfreundlich. Darin sehen wir einen eklatanten Ausdruck der Missachtung des Andenkens der Gefallenen.“
Hier den ganzen Artikel mit den Fotos ansehen