Lesefrüchte
Juli 2026
Hier sammeln wir Artikel, die auch über den Tag hinaus interessant sind und zitieren Auszüge. Um die Übersichtlichkeit zu erhalten, verschieben wir ältere Empfehlungen ins „Archiv“.
Lesefrüchte im vergangenen Monat
Jochen Mitschka: Das „Trillionen-Dollar-Problem“
Martin Sonneborn: „Merz & Klingbeil hassen Sie“
multipolar-magazin.de:
Verschärfung von Gesetzen zu psychisch Kranken
Wie haben die das geschafft?
Ob die Chinesen westliche Länder wirtschaftlich und technologisch bereits überholt haben oder noch gerade dabei sind, darüber kann gestritten werden. Nicht aber darüber, dass sie eine enorm dynamische Entwicklung erreicht haben. Bestimmt kann man dafür mehrere Gründe finden, einer ist sicher, was folgender Artikel zeigt:
Jochen Mitschka: Das „Trillionen-Dollar-Problem“: Warum großartige Erfindungen im Westen scheitern
Auf der Suche nach einer ermutigenden, aufbauenden Nachricht stößt man derzeit im Internet auf die Geschichte einer Schülerin, welche eine kostengünstige Dialysemaschine entwickelt hatte. Die darauf folgende Recherche fand Folgendes heraus.
Die Geschichte von Anya Pogharian klingt wie das Drehbuch für einen Hollywood-Film. Im Jahr 2014 entwickelte die damals 16-jährige Schülerin aus Montreal im Rahmen eines Schulprojekts einen funktionierenden Prototypen für eine Dialysemaschine. Während herkömmliche Geräte in Krankenhäusern rund 30.000 Dollar kosteten, baute sie ihre Version aus frei zugänglichen Teilen für gerade einmal 500 Dollar. Noch erstaunlicher: In Labortests filterte ihr Gerät, genannt Dialysave, vier Liter Blut in nur 25 Minuten – herkömmliche Maschinen benötigen dafür bis zu vier Stunden.
Die Erfindung schlug weltweit Wellen. Doch trotz des überwältigenden Erfolgs und des enormen Potenzials, die medizinische Versorgung in Entwicklungsländern zu revolutionieren, kann man die Dialysave heute nirgends kaufen. Sie ist nie in Serie gegangen.
Das Projekt teilt dieses Schicksal mit tausenden genialen Erfindungen weltweit. Warum schaffen es Technologien, die das Potenzial haben, die Welt entscheidend zu verbessern, so oft nicht auf den Markt? Ein Blick auf die unsichtbaren Barrieren zwischen Labor und Realität zeigt die Gründe. Zu viele Interessen am Status Quo verhindern wahre Innovation, wenn es keinen politischen Willen gibt, der sie fördert.
Die regulatorische Todeszone (Death by Regulation)
In Branchen wie der Medizintechnik, der Luftfahrt oder der Energiewirtschaft gelten die höchsten Sicherheitsstandards der Welt. Das ist prinzipiell gut, um Menschenleben zu schützen, stellt für unabhängige Erfinder jedoch eine fast unüberwindbare Wand dar.
Dialysegeräte fallen in die höchste Risikoklasse medizinischer Produkte (Klasse III). Um ein solches Gerät für den echten Patientenbetrieb zuzulassen, verlangen Behörden wie die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) oder die europäische EMA jahrelange, extrem streng kontrollierte klinische Studien an Menschen.
Ein funktionierender Laborprototyp beweist lediglich, dass das physikalische Prinzip funktioniert. Er garantiert nicht, dass das Gerät bei 10.000 Anwendungen unter Alltagsbedingungen absolut ausfallsicher läuft.
Die bürokratischen und rechtlichen Hürden dieser Zulassungsprozesse ersticken radikale, kostengünstige Innovationen oft im Keim, da die regulatorischen Anforderungen auf die Infrastruktur etablierter Großkonzerne ausgelegt sind.
Das „Valley of Death“ der Finanzierung
Zwischen der Erfindung im Labor und dem fertigen Massenprodukt liegt eine finanzielle Kluft, die in der Startup-Welt als „Valley of Death“ (Tal des Todes) bekannt ist.
Ein Prototyp für 500 Dollar ist eine Meisterleistung. Ihn jedoch in ein medizinisches Seriengerät zu überführen, erfordert Investitionen in Millionenhöhe:
- Industrielles Design: Jedes Bauteil muss im Spritzgussverfahren oder unter Reinraumbedingungen massenhaft exakt gleich reproduziert werden.
- Redundanz- und Sicherheitssysteme: Es müssen Notstrom-Akkus, Alarm-Sensoren gegen Luftblasen im Schlauch und ausfallsichere Software-Architekturen integriert werden.
- Haftpflichtversicherungen: Die potenziellen Schadensersatzsummen bei Fehlfunktionen im medizinischen Bereich sind astronomisch.
Hobby-Erfindern, Studenten oder kleinen Forschungsteams fehlt schlicht das Kapital, um diese Phase zu überbrücken. Finden sich keine risikofreudigen Investoren, stirbt die Idee auf dem Papier.
Das „Nicht-erfunden-von-uns“-Syndrom und Marktmonopole (...) usw.
China ist wieder Wegbereiter für die Überwindung dieser Hürden
Während im Westen Innovationen meist aus dem privaten Sektor kommen und am „Valley of Death“ (Finanzierung und Bürokratie) scheitern, verfolgt China ein staatsgelenktes Innovations-Ökosystem.
Wenn eine Idee wie die kostengünstige Dialysemaschine von Anya Pogharian in das strategische Raster der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) passt – insbesondere im Rahmen von Plänen zur Modernisierung des Gesundheitssystems und der ländlichen Versorgung –, greift eine gigantische staatliche Maschinerie. (...)
Unbedingt im ganzen Artikel lesen!
Zusammenfassung
Während im Westen geniale Ideen an Kapitalmangel und Überregulierung im privaten Raum und an finanziellen Interessen großer Player sterben, werden in China solche Ideen, welche die Gesellschaft voran bringen, im Eiltempo durch staatliche Strukturen in den Markt gedrückt. Chinas Aufstieg zur Medizintechnik-Supermacht basiert exakt auf dieser aggressiven, staatlichen Überbrückung des „Valley of Death“. Und die Medizintechnik ist nur ein Beispiel.
Huawei ist das Paradebeispiel im IT-Sektor dafür, was passiert, wenn eine anfangs kleine, unabhängige Erfindung vom chinesischen Staat als
„nationaler Champion“ adoptiert und mit aller Macht durch das „Valley of Death“ gepresst wird. Aber das zu vertiefen würde jetzt zu weit führen.
Martin Sonneborn: „Merz & Klingbeil hassen Sie!“
Transkribiert und mit 3 Anmerkungen versehen vom Fassadenkratzer
Guten Tag, draußen an den Geräten!
Eines muss man der SPD lassen: Immer, wenn man denkt, tiefer könne sie gar nicht mehr sinken, belehrt sie uns eines Besseren.
Nachdem in den letzten Wochen zu lesen war, die schwarz-rote Regierung in Deutschland könne sich nicht mehr einig werden, beweist das neue Reformpaket das Gegenteil: Besonders einig sind sich Merz und Klingbeil, wenn es darum geht, die Rechte einfacher Bürger einzuschränken und die Macht schwieriger Konzerne auszuweiten.
Falls Sie als Arbeitnehmer SPD gewählt haben, freut es Sie sicher, dass Ihre politische Vertretung zum Dank für Ihre Stimme im Verbund mit einem Blackrock-Außendienstler erst die Schikane rund um telefonische Krankschreibung und Attest-Pflicht ab Tag 1 durchwinkt, nur um daraufhin auch noch dafür zu sorgen, dass Sie bis in alle Ewigkeit irrsinnige Mieten an Vonovia und andere Miet-Haie zahlen müssen: Die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen, wie sie beim Berliner Volksentscheid von einer deutlichen Mehrheit gefordert wurde, soll künftig per Bundesgesetz verboten werden.
Bevor der von den Vätern des Grundgesetzes sicher nicht ohne Grund verfasste Artikel 15 zur Vergesellschaftung von Grund und Boden auch nur ein einziges Mal angewendet wurde, schaffen CDU und SPD ihn präventiv ab. Ein Demokratieverständnis wie Kim Jong Un. 1
Immerhin wollen Merz und Klingbeil aber auch dafür sorgen, dass Sie von all den Schweinereien ihrer Repräsentanten in Zukunft nicht mehr allzu viel mitbekommen müssen: Das Informationsfreiheitsgesetz, mit dessen Hilfe einfache Bürger wie Sie bislang etwa E-Mails und Verträge von Ministerien einsehen konnten, soll bis zur Unkenntlichkeit eingeschränkt werden.
Alles, was wir über Jens Spahns Maskendeals, Katherina Reiches Lobbykontakte oder Philipp Amthors allgemeine Blödheit wissen, verdanken wir diesem Gesetz. 2
Früher wäre für das Beschaffen solcher Informationen auch mal die Presse zuständig gewesen, aber die bejubelt lieber, dass die Regierung sich überhaupt noch auf irgendetwas einigen kann und sei es auch nur der totalitäre Staatsumbau.
Während all die Arbeitnehmer-Quälerei unter der Behauptung des Sparzwangs und in der Hoffnung auf Wachstum geschieht, sieht der neue Bundeshaushalt übrigens vor, jeden dritten Euro, den Sie an Steuern zahlen, in die Finanzierung von Panzern und Langstreckendrohnen zu stecken. Das erhoffte Wachstum, das mit immer größeren Schulden herbeifinanziert werden soll, wird also nicht eines schönen Tages Ihr Leben verbessern, sondern vor allem das der Aktionäre von Rheinmetall, TKMS 3 und Konsorten. 203 Milliarden Euro beträgt die vorgesehene Neuverschuldung allein fürs Jahr 2027 – mehr als die Hälfte davon fließt in den Verteidigungsetat.
Bis 2030 werden es 70% sein. Macht unterm Strich gut 600 Milliarden Euro Verteidigungsausgaben in den nächsten vier Jahren, damit Deutschland endlich wieder die mächtigste Armee Europas stellt.
Schade nur, dass wir dafür all die Errungenschaften und Freiheiten aufgeben müssen, die wir damit verteidigen wollten.
Tschüss, draußen an den Geräten!“
Video
Anmerkungen (hl):
1 Siehe:
https://www.berliner-mieterverein.de/presse/pressearchiv/koalitionsbeschluss-gegen-vergesellschaftung-von-wohnraum.htm
https://verfassungsblog.de/ein-bundesweites-vergesellschaftungsverbot/
2 https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/informationsfreiheitsgesetz-regierung-reform-transparenz-fuchs-100.html
3 „TKMS AG & Co. KGaA mit Sitz in Kiel ist nach eigenen Angaben ein führender europäischer Systemanbieter für nicht-nuklear angetriebene U-Boote, Marineschiffe und neue Über- und Unterwassertechnologie (Wikipedia)
multipolar-magazin.de Fachleute kritisieren Verschärfung von Gesetzen zu psychisch Kranken in mehreren Bundesländern
Kritiker: Datenschutz und ärztliche Schweigepflicht nicht gewährleistet / Hamburg verarbeitet auch Daten zu politischer Meinung und weltanschaulichen Überzeugungen / Psychologe: Gesetzesverschärfungen könnte zur Disziplinierung politischer „Abweichler“ eingesetzt werden – Verein „Justiz-Opfer” erinnert an Fall Gustl Mollath
25. Juni 2026
Hannover / Düsseldorf / Hamburg. (multipolar)
Die in mehreren Bundesländern erfolgende Verschärfung von Gesetzen, die psychisch kranke Menschen betreffen, stößt auf Kritik. Fachleuten zufolge seien weder Datenschutz noch die ärztliche Schweigepflicht gewährleistet. Bemängelt wird außerdem, dass Listen angelegt und medizinische Daten in falsche Hände geraten könnten. Die Befürchtungen gehen bis dahin, dass Menschen mit unliebsamen Ansichten als psychisch krank abgestempelt, als Sicherheitsrisiko eingestuft und dadurch überwacht werden könnten.
So sieht ein neues Gesetz in Niedersachsen vor, dass seelisch Kranke, bei denen eine „Dauergefahr“ prognostiziert wird, stärker überwacht werden sollen. Zwecks Gefahrenabwehr soll der Datenaustausch zwischen psychiatrischen Einrichtungen, sozialpsychiatrischen Diensten, Polizei und anderen Sicherheitsbehörden massiv ausgeweitet werden. Das Gesetz soll ab Juli gelten. In Nordrhein-Westfalen ist ein ähnliches Gesetz geplant. Hessen novellierte sein Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz bereits Ende 2025.
Der Hamburger Senat hatte im Juni 2023 ein Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht, um Personen „mit hohem Risikopotential für fremdaggressive Handlungen frühzeitig zu erkennen und schwere Gewalttaten zu verhindern.“ Es sieht umfangreiche Datenverarbeitungen vor. Neben Personenstands-, Kommunikations- und Gesundheitsdaten werden politische Meinungen sowie religiöse und weltanschauliche Überzeugungen registriert.
Mehr als 20 Organisationen protestierten im April gegen die Novellierung des niedersächsischen Gesetzes. Die Vernetzung von Erkenntnissen zwischen Sicherheits-, Gesundheits-, Waffen- und anderen Behörden geschehe vor dem Hintergrund einer möglichen behördlichen Nutzung automatisierter Datenanalysen wie Palantir, heißt es in dem Protestschreiben, das von Psychiatrie-Betroffenen erstunterzeichnet wurde. Es wird auf die Konsequenzen verwiesen, die gesammelte Patientenakten von Menschen in psychiatrischen Einrichtungen während des Nationalsozialismus hatten. Dies sei „als ernste Warnung“ zu verstehen.
Der klinische Psychologe Harald Walach erklärt auf Anfrage von Multipolar, bei schwer gestörten, gewalttätigen psychisch Kranken handele es sich um „eine sehr kleine Gruppe“. Diese sei mit den bereits bestehenden Gesetzen in den Griff zu bekommen. Dass dies oft nicht geschieht, liege an „Gefälligkeitsgutachten“, die gefährliche Gewalttäter wieder auf freien Fuß setzten. Nicht ausgeschlossen ist für Walach, dass Menschen mit abweichenden politischen Meinungen auf Basis der neuen Gesetze als psychisch krank deklariert, als gefährlich eingestuft und dadurch überwacht werden könnten. Eine Verschärfung der Gesetze könnte seiner Ansicht nach ein Hebel sein, um in Zukunft Abweichler aller Art zu maßregeln.
Walach erinnert an die Juristin Beate Bahner, die Corona-Maßnahmen kritisierte und im April 2020 kurzzeitig in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Außerdem verweist er auf das politische Psychiatriesystem der Sowjetunion, das laut der Leipziger Psychiaterin Sonja Süß auf Bürger abzielte, die sich oppositionell betätigten.
In der Forschung werden wiederholt Zusammenhänge zwischen „Verschwörungstheorien“ und psychischen Krankheiten hergestellt. So erklärte der Psychiater Henning Saß im Februar 2025 in der „Apotheken Umschau“, zwischen Menschen mit Wahnvorstellungen und Verschwörungstheoretikern gebe es „weitreichende Übereinstimmungen vor allem in der Erlebnisstruktur und im Wahrheitsanspruch“. Der Heidelberger Psychiater Thomas Fuchs schrieb im Mai 2022, Verschwörungstheorien zeigten „eine deutliche Parallelität zur Struktur von paranoidem Bedeutungserleben und Wahn“. Dazu gehöre die Annahme, „Drahtzieher“ hätten geheime Motive oder mächtige Gruppen steuerten Geschehnisse. Die Forschung zu Verschwörungstheorien wird einer Analyse zufolge bis heute entscheidend vom US-Historiker Richard Hofstadter geprägt. Der habe Verschwörungstheorien und Paranoia verknüpft und damit den Weg für eine Pathologisierung herrschaftskritischer Spekulationen geebnet. (Hervorhebung: bm)
Thomas Repp, Vorstand des Vereins „Justiz-Opfer” sagte auf Anfrage von Multipolar: „Auch friedlichen Kritikern wird oft ein psychiatrischer Stempel aufgezwungen.“ Er verweist auf Gustl Mollath, der im Jahr 2006 in die Psychiatrie eingewiesen worden war. Seine frühere Ehefrau, eine Vermögensberaterin der „HypoVereinsbank“, hatte ihn wegen Körperverletzung angezeigt – 16 Monate nach der vermeintlichen Tat. Mollath saß mehr als sieben Jahren in geschlossenen Abteilungen des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Erst Jahre später wurde bekannt, dass Mollath tatsächliche Schwarzgeldgeschäfte seiner Ex-Frau und ihrer Kollegen gegenüber der Bank zur Sprache gebracht hatte und auffliegen lassen wollte. Gutachter und Justiz hatten seine Erzählungen über illegale Geldgeschäfte der Bank und seiner Ex-Frau als „Hirngespinste“ und „paranoid“ abgetan.
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Dass diese unsinnige Verknüpfung von Wahn und
Verschwörungstheorie in der Apothekenrundschau gedruckt wird, überrascht
schon. Danach wären also Kriminalkomisare vom Wahn befallen, wenn sie vor der
Aufklärung von Verbrechen Theorien, also Arbeitshypothesen, aufstellen, wer die
Täter sein könnten und wo sie zu finden sind. Zu „Verschwörungstheorie“
siehe den Eintrag in der Linksammlung. (bm)