Lesefrüchte
Juni 2026
Hier sammeln wir Artikel, die auch über den Tag hinaus interessant sind und zitieren Auszüge. Um die Übersichtlichkeit zu erhalten, verschieben wir ältere Empfehlungen ins „Archiv“.
Lesefrüchte im vergangenen Monat
Axel Fersen: Sparta 2.0
Axel Fersen: Antiqua et nova – und das deutsche
Nichts
Axel Fersen: Sparta 2.0
Erhard-Eppler-Kreis
Auszug aus dem Schluss des Artikels:
Im vorderen Teil über die Autoren des SPARTA-Papiers mit den Interessenkonflikten kommt folgender Satz vor, den zu merken uns Axel Fersen auffordert:
„Schularick hatte schon im Juni 2024 mit dem konservativen Historiker Niall Ferguson in der FAZ unter dem Titel „Deutschland hat den Schuss nicht gehört“ eine Verdreifachung der Rüstungsausgaben gefordert –
finanziert, wie die beiden Professoren offen einräumten, langfristig durch Einsparungen bei Renten und Sozialversicherung. Diesen Satz sollte man sich merken; er kehrt am Ende wieder.“
(...)
Damit kehrt der gemerkte Satz wieder. Wenn Schularick und Ferguson die langfristige Finanzierung der Aufrüstung in Einsparungen bei Renten und Sozialversicherung verorten, dann ist die Verteilungsfrage entschieden, bevor sie gestellt wurde: Der Sozialstaat finanziert die Rüstungsrendite. Eine sozialdemokratisch geprägte Öffentlichkeit muss hier hellhörig werden. Es ist die Umkehrung dessen, wofür die Sozialdemokratie ein Jahrhundert lang gestritten hat. Und es ist – nebenbei – innenpolitischer Sprengstoff: Wer den Sozialstaat schleift, um Panzer zu bauen, befeuert genau die Entfremdung, von der die antieuropäischen und autoritären Kräfte leben. Auch so führt „Sparta“ zum Konflikt – diesmal im Innern.
Man kann dieses Papier nicht ernsthaft kritisieren, ohne den realen Kern anzuerkennen: Europa hat tatsächlich Fähigkeitslücken. Jahrzehnte der Unterinvestition, die Erschütterung durch den russischen Angriffskrieg* [siehe unsere Kommentierung unten] und ein unsicher gewordener amerikanischer Partner unter Donald Trump sind keine Erfindung von Lobbyisten. Wer sich nicht verteidigen kann, ist nicht souverän. Das ist wahr, und es wäre billig, es zu leugnen.
Aber genau hier zeigt sich, was im Wort „Sparta“ fehlt – und was die sozialdemokratische Friedenstradition seit jeher gewusst hat. Sparta kennt nur die Antwort der Stärke: Mauern, Waffen, Autarkie, Abschreckung. Es kennt kein Wort für Diplomatie, kein Wort für Rüstungskontrolle, kein Wort für gemeinsame Sicherheit. Es war Egon Bahr, der den Satz prägte, dass Sicherheit nicht gegen den Gegner, sondern nur mit ihm zu haben ist. Es war Erhard Eppler, der den „Wettlauf mit der Zeit“ als eine Aufgabe der politischen Vernunft begriff und nicht der militärischen Eskalation. Die Palme-Kommission nannte es 1982 „Gemeinsame Sicherheit“: die Einsicht, dass im Atomzeitalter niemand allein sicher sein kann. Dieses Erbe hat den Kalten Krieg ohne Krieg beendet. „Sparta 2.0“ enthält davon keine Silbe.
Das ist nicht nur ein moralischer, sondern ein strategischer Einwand. Ein 500-Milliarden-Wettlauf, dessen Herzstück autonome Systeme, militärische KI und „Battle Management“ bilden, beschleunigt eine Dynamik, deren Gefährlichkeit Karl Hans Bläsius und ich an dieser Stelle beschrieben haben: Militärische KI entscheidet unter Unsicherheit, Vagheit und Zeitdruck; sie liefert überzeugende Ergebnisse, aber keinen überprüfbaren Begründungsweg – und je schneller die Maschinen werden, desto kürzer wird die Zeit für menschliche Kontrolle. Rüstungskontrolle aber, die Software nicht zählen und nicht verifizieren kann, läuft ins Leere. Wer in dieser Lage einseitig das Tempo erhöht, ohne zugleich an Regeln, Vertrauen und Verhandlungskanälen zu arbeiten, kauft keine Sicherheit. Er kauft Instabilität.
Bemerkenswert, dass ausgerechnet eine Stimme jenseits der Politik dies mit größter Klarheit ausgesprochen hat. In seiner ersten Enzyklika „Magnifica Humanitas“ verlangt Papst Leo XIV., die Künstliche Intelligenz müsse „entwaffnet“ werden, und die Entscheidung über tödliche Gewalt dürfe nicht an automatisierte Prozesse delegiert werden, sondern müsse unter verantwortlicher menschlicher Kontrolle bleiben. Es ist exakt das Gegenteil dessen, was ein Programm verspricht, das autonome Systeme und KI-Gefechtsführung ins Zentrum stellt. Wenn ein Papst weiter denkt als ein Wirtschaftsinstitut, sollte das zu denken geben.
„Sparta 2.0“ stellt Deutschland und Europa vor eine Wahl, die es so nicht gibt. Nicht „Abhängigkeit oder Selbstbehauptung“ ist die Frage, sondern: Soll Europas Verteidigung demokratisch und gemeinsam organisiert werden – oder hierarchisch, dereguliert und unter deutscher Führung? Soll Sicherheit ausschließlich als Abschreckung gedacht werden – oder zugleich als gemeinsame Sicherheit, die den Gegner einbezieht, statt ihn nur zu überbieten? Und soll die größte industriepolitische Weichenstellung einer Generation von denjenigen formuliert werden, die an ihr verdienen?
Europa braucht Verteidigungsfähigkeit. Es braucht sie aber als Athen – offen, bündnisfähig, demokratisch kontrolliert, eingebettet in eine Politik der Verständigung – und nicht als Sparta, das seine Nachbarn führt, bis es mit ihnen im Krieg liegt. Die fünf Autoren haben den Namen mit Bedacht gewählt. Wir sollten ihn beim Wort nehmen – und ihre Antwort ablehnen.
*russischer Angriffskrieg in der Ukraine:
Wir schätzen den Autor und diesen Artikel sehr. Die Sache mit dem „russischen
Angriffskrieg“ haben wir schon an vielen Stellen — auch bei Sahra
Wagenknecht — richtig gestellt: Wer die Vorgeschichte kennt, also die Zeit vor
dem 22. Februar 2022, weiß auch, dass Russland in einen schon 8 Jahre
andauernden Bürgerkrieg
eingriff — und zwar auf Bitten der Bevölkerung in den Oblasten, die seit 2014 von der
rechten Putschregierung angegriffen wurde. Es starben bis dahin unter dem
Artilleriebeschuss ca. 14000 Menschen, Männer Frauen und Kinder. Wir verweisen
an dieser Stelle auf die vorzügliche Darstellung von Jeffrey Sachs über die
Ereignisse und die Handlungsweise der NATO hier
und hier.
Zur Vorgeschichte haben wir uns auch in einer Stellungnahme
zu einem Artikel von Leo Ensel geäußert.
Die folgende „Lesefrucht“ erschien hier Ende Mai und erscheint daher auch in den Juni-Lesefrüchten.
Axel Fersen: Antiqua et nova – und das deutsche Nichts. Gastbeitrag von Axel Fersen: Warum der Vatikan in der KI Frage weiter denkt als das Bundeskanzleramt
(...)
Dass ausgerechnet der Vatikan in dieser Frage gegenwärtig schärfer denkt als das Bundeskanzleramt, ist mehr als eine Pointe. Es ist ein Alarmsignal. Wer Antiqua et nova liest, findet dort eine nüchterne Aufzählung jener Gefahrenfelder, die im internationalen Fachdiskurs seit Jahren benannt werden: autonome Waffensysteme, deren Verbot der Vatikan unmissverständlich fordert; die Konzentration enormer Macht in den Händen weniger Konzerne; Desinformation und Deepfakes; algorithmische Diskriminierung und Social Scoring; die ökologische Last der Rechenzentren; der Verlust menschlicher Arbeit durch Substitution statt Begleitung; und nicht zuletzt — Abschnitt 101 der Note ist hier von beklemmender Klarheit — das von KI Forschern selbst beschriebene „existenzielle Risiko“ einer Technologie, „die in der Lage ist, auf eine Weise zu handeln, die das Überleben der Menschheit oder ganzer Regionen bedrohen könnte“.
Das ist nicht römische Apokalyptik, sondern die nüchterne Wiedergabe dessen, was Nobelpreisträger Geoffrey Hinton, Turing-Preisträger Yoshua Bengio, Stuart Russell von Berkeley, Demis Hassabis von Google DeepMind, Sam Altman von OpenAI und — bemerkenswerterweise — auch Dario Amodei, der CEO von Anthropic, mit zunehmender Dringlichkeit formulieren. Hinton, der sein Lebenswerk bei Google im Frühjahr 2023 öffentlichkeitswirksam aufgab, schätzte das Risiko einer Übernahme der Kontrolle durch KI auf „zehn bis zwanzig Prozent“; bei seinem Nobelpreis-Bankett in Stockholm warnte er vor „schrecklichen neuen Viren und grauenhaften tödlichen Waffen, die selbst entscheiden, wen sie töten oder verstümmeln“. Bengio leitet das Expertengremium hinter dem International AI Safety Report 2026. Amodei beschreibt in seinem im Januar 2026 veröffentlichten Memorandum, der Welt drohe binnen ein bis zwei Jahren ein „country of geniuses in a datacenter“, dessen Risiken Regierungen und Öffentlichkeit „dramatisch unterschätzen“.
(...)
Was Deutschland — anders als Großbritannien, die USA, Frankreich, Japan, Kanada, Indien, Singapur, Südkorea und Australien — nicht hat, ist ein staatliches AI Safety Institute mit dem klaren Auftrag, Frontier Modelle vor und nach ihrer Veröffentlichung systematisch zu evaluieren, die Bundesregierung in Fragen von KI und nationaler Sicherheit zu beraten und technische Forschung zu KI-gestützten Bedrohungen zu betreiben. Pikant: Deutschland hatte bereits 2024 in einer gemeinsamen Erklärung mit neun anderen Ländern und der EU empfohlen, dass Staaten eigene Institute für KI Sicherheit gründen sollten — und ist heute der einzige Unterzeichner dieser Erklärung außer Italien, der nicht Teil des internationalen Network of AI Safety Institutes ist. Man hat unterschrieben, ohne zu liefern.
Der Vatikan dagegen liefert — wenigstens auf der Ebene der ethischen Reflexion. Antiqua et nova benennt die Macht weniger Unternehmen als ethisches Problem ersten Ranges; sie warnt vor dem „technokratischen Paradigma“, das alle Probleme allein mit technologischen Mitteln zu lösen vorgibt; sie spricht in Abschnitt 100 deutlich aus, dass autonome tödliche Waffensysteme „ein ernster Grund für ethische Bedenken“ seien, und ruft zu einem Verbot auf: „Keine Maschine darf jemals die Wahl treffen können, einem Menschen das Leben zu nehmen“. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung findet sich von alldem so gut wie nichts. KI taucht dort als Wirtschaftsfaktor auf, als Modernisierungshebel der Verwaltung, als Verteidigungsressource für die Bundeswehr und — bemerkenswert — als Werkzeug für die „retrograde biometrische Fernidentifizierung“ durch Sicherheitsbehörden. Die Risikoanalyse aber, die der Vatikan auf siebzig Seiten leistet, fehlt fast vollständig.
Diese Abwesenheit ist umso bemerkenswerter, als die KI Risiken längst nicht mehr spekulativ sind. Anthropic selbst hat im November 2025 den Fall GTG 1002 öffentlich gemacht — einen Cyberangriff, bei dem ein Frontier-Modell agentisch gegen die Schutzmechanismen seines eigenen Herstellers eingesetzt wurde. Die Forschungsliteratur zu scheming, zu reward hacking, zu instrumental convergence und zu agentischer Fehlauslegung füllt mittlerweile Hunderte begutachteter Papers. Dass die deutsche Bundesregierung diese empirisch gesicherten Befunde nicht zum Anlass nimmt, eine eigene staatliche Risikobeobachtungsstelle zu errichten, ist nicht Vorsicht. Es ist Versäumnis.
(...)